Postfaktisch – das Wort des Jahres 2016

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) hat am Freitag in Wiesbaden das „Wort des Jahres 2016“ gekürt. Es ist „postfaktisch“. Was bedeutet das? Kurze Antwort: Die Ideologie oder die Verdrehung der Wahrheit, interessenbedingt, ist bedeutungsvoller oder wichtiger als die Wirklichkeit oder die Fakten.

Woran können wir das erkennen? Schauen wir mal, welche Erklärung uns Wikipedia geben kann: „Der Begriff postfaktische Politik zum Beispiel bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

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Alard von Kittlitz (Autor bei Zeit Online) meint dazu in Zeit Online: „Die Erde ist eine Scheibe. Stimmt nicht? Ist doch egal. In politischen Debatten zählt ja auch immer weniger, was faktisch richtig ist. Denn die Lüge schmeckt süß, die Wahrheit aber bitter.“

Das bedeutet, die Menschen, die den verdrehten Wahrheiten folgen, wollen die Wirklichkeit nicht sehen. Sie suhlen sich viel lieber in den Illusionen, die aus ihren eigenen Lügen entstanden sind. Sie finden den daraus erwachsenen Selbstbetrug attraktiver, als das zu betrachten, was wirklich ist. Menschen tun das, weil es sich angenehmer anfühlt, wenige Aspekte aus der Wirklichkeit selektiv herauszunehmen, um sie mit erfundenen Wahrheiten auszuschmücken, bis die Fiktion die Gestalt der eigenen Interessenlage angenommen hat. In Orwells 1984 wurde uns noch gezeigt, dass es einen Diktator geben müsse, um sich in einer versklavten Gesellschaft wiederzufinden. Heute wissen wir, dass es diesen Diktator gar nicht braucht. Die Menschen schaffen sich selbst ihre Illusionen.

Da es sich um künstlich erschaffene Situationen handelt, die mit dem wirklichen Leben anderer Menschen nichts zu tun haben kann, können nur wenige Menschen etwas mit diesen Fiktionen anfangen. Insofern ist die Wortwahl eine exzellente Darstellung dessen, in welcher Zeitqualität wir leben.

Menschen flüchten sich mit ihren Fiktionen in Wortschöpfungen und glauben so die Wirklichkeit beschreiben zu können. Dabei sind dies alles nur Worte. Und Worte können die Wirklichkeit, also das, was wirklich ist, nicht hinreichend erklären.

Ein gutes Beispiel erweist sich darin, wenn wir einen Menschen darum bitten sich selbst zu beschreiben. Er darf jedoch nicht seine Personendaten, wie Name, Vorname, Geburtsdaten, Wohnort etc. verwenden. Die meisten Menschen können sich ohne die Erklärung dessen, was sie denken, was sie sind, also in der Erklärung, sie seien die Personendaten, nicht beschreiben.

Zeitenwende: Postfaktisches Zeitalter bis Permafrust | quer vom BR

Oder wir versuchen mal die Erde, das Sonnensystem, die Galaxie, oder das Universum zu beschreiben. Wir müssen in diesem Fall auf Erklärungen aus der Astronomie oder Astrologie zurückgreifen. Diese Erklärungen sind aber nur Variationen von Wahrnehmung darüber, was Menschen denken, was ist. Sie können deshalb, weil Menschen unterschiedliche Wahrnehmungen haben, nicht abbilden, was wirklich ist.

Wahrscheinlich haben die Sprachforscher selbst es nicht restlos durchschaut, welch eine grandiose Wahl sie getroffen haben. Ich vermute aber, dass auch diese Wissenschaftler bereits hellwach sind und nur noch wegen ihrer Reputation, wegen des Geldverdienens etc. am Systemspiel mitspielen. Denn mit postfaktisch sollte sicher der vom Mainstream-Journalismus bezeichnete Populismus von AfD, Die Linke, oder anderer Wahrheits-Sager gemeint sein.

Für mich wirkt diese Wahl nicht in eine politische Richtung. Vielmehr entspricht es der Natur von Menschen, die leidvolle Realität nicht sehen zu wollen. Sie verstecken sich hinter ihren Erklärungen, die in ihre individuelle Interessenlage passen. Allerdings treiben es die selbsternannten Meinungsmacher vielerlei Medien derzeit auf die Spitze. Und auch dies hat etwas mit ihrer Interessenlage zu tun. Sie verdrehen die Realität, weil sie dafür bezahlt werden.

Benzin war gestern: Dieses Motorrad fährt 500 Kilometer mit nur einem Liter Wasser

Beispiel: Ist es zutreffend, dass ein Auto nicht mit Benzin als Treibstoff, sondern mit Wasser betrieben werden kann? Für den einen oder anderen Benzin- oder Diesel-Hersteller ist es durchaus Populismus. Weil es nicht in dessen Wahrheitsgebäude passt, kann es für ihn nicht zur Wahrheit werden. Würde er dies zulassen, wäre seine Existenz bedroht. So befördern ebendiese Hersteller die Wahrheiten, die daran festhalten sollen, Menschen glauben zu lassen, Wasserbetriebene Autos seien Fiktion. In Wahrheit gibt es sie. Jetzt kommt es für die Konsumenten darauf an, selbst über den eigenen Denk-Horizont blicken zu wollen, um sich bisher unbekannten Aspekten öffnen zu können. Wer weiterhin am Benzin-betriebenen Pkw festhält, darf sich nicht darüber wundern, dass es nur diese Antriebstechnik zu kaufen gibt. Die Wortbedeutung von “Treibstoff“ darf neben den Begriffen Benzin, Diesel und Kerosin um den Begriff Wasser ergänzt werden.

Das Phänomen der Realitäts-Verdrängung beobachte ich sehr oft bei Menschen, die große gesundheitliche Herausforderungen durchzustehen haben. Dabei wäre es so einfach. Sie müssten nur ihren eigenen Anteil an der momentanen Situation betrachten. Was habe ich dazu beigetragen, dass es zu diesem Ergebnis gekommen ist? Wer an der Ursache seiner Erkrankung festhält darf sich nicht darüber wundern, dass die Wirkung, also die Erkrankung, nicht gehen möchte.

Wir sind integriert in dem Spiel, das wir Leben nennen. Das Sein, in dem wir uns augenblicklich wiederfinden, ist unsere individuelle Antwort auf unser bisheriges Leben. Wir haben für alles, was uns jetzt begegnet, in der Vergangenheit die Ursachen gesetzt.

Es sind nicht die Politiker, egal welche, die uns die Unwahrheit sagen. Es sind auch nicht die Medien, die uns Lügen verkaufen. Sie alle versuchen nur uns ihre Wahrnehmung als die Wahrheiten zu verkaufen, so wie diese die Welt entsprechend ihrer Interessenlage betrachten. Es sind immer wir selbst, die ihnen auf den Leim gehen, ohne zu hinterfragen, ob es wirklich so sein kann. Insofern sind wir es selbst, die uns selbst mit unserem eigenen Populismus betrügen.

Ich finde, dass die GfdS damit eine für die Zeit glänzende Wahl getroffen hat.

Was aber ist die wahre und unumstößliche Realität, die viele Menschen nicht sehen wollen?

Es ist die Tatsache, dass die Menschen selbst die Schöpfer ihres Seins sind. Sich selbst als den Schöpfer des eigenen Seins zu erkennen lässt alles Leid relativ banal erscheinen. Wenn es niemanden mehr gibt, den man für das eigene Leiden verantwortlich machen kann, hält jedes Leiden wirklich nur noch solange an, wie man selbst bewusst daran festhalten möchte.

Würde die Mehrheit der Menschen diese Realität für sich selbst anerkennen, würden die restlichen unverbesserlichen Menschen auch keine Ausreden, Erklärungen oder Begründungen mehr für Verbrechen, Krieg und Machtmissbrauch finden können. Es würden ihnen zu wenig Menschen folgen, um ihre psychopathischen Spielchen durchsetzen zu können.

Ich bin mir aber absolut sicher, dass alles nach dem Licht strebt, also nach dem Heilsein, nach dem vollständig und ganz werden. Insofern ist alles, was sich ereignet, ein Zugewinn an Licht. Denn Licht ist Erkenntnis, bzw. Bewusstsein. Nichts kann die Offenbarung der Erkenntnis aufhalten. Sogar ein vom Mainstream erwähltes Wort des Jahres kann so betrachtet werden, dass es sich dem Licht zuwendet und nicht, wie vielleicht geplant, den dunklen Kräften dient.

Es kommt auf unsere Interpretationen an, wie wir selbst die Welt betrachten. Jeder Mensch ist der Schöpfer seines Daseins, das aus den Interpretationen dessen erwächst, was wir denken, was ist. Wir können alles aus unterschiedlichen Blickrichtungen und Perspektiven betrachten. Mit jeder Änderung der Betrachtung ändert sich die Welt in der wir leben. Die Welt erscheint uns plötzlich ganz anders, nicht mehr bedrohlich, nicht mehr voller Gefahren.

Jetzt könnten Skeptiker meinen: Ja, dann ist die böse Welt ja immer noch da und könnte mich bedrohen? Natürlich ist sie da. Wenn Du denkst dass sie da ist, befindest Du Dich in der Bedrohung. Das bedeutet, Du bist ein Teil der Bedrohung und spielst mit, in diesem Spiel von Bedrohen und bedroht werden. Wenn Du keine Angst mehr davor hast, kann die Bedrohung Deine Angst nicht finden. Es entsteht keine Resonanz zu Dir und Du wirst durch diejenigen, die auf der Suche nach Opfern sind, nicht gesehen.

Heilung von den Fiktionen ist dann gegeben, wenn wir sie als solche erkennen und dadurch für uns selbst erkennen, sie nicht mehr für unser Dasein zu brauchen. Wir brauchen all diese Erklärungen nicht mehr, denn wir finden die Orientierung allein in uns selbst.

Wie lange wollt Ihr den Illusionen von Wohlstand, Besitz und Demokratie noch hinterherlaufen? Nichts davon entspricht der Realität. Die Realität wird zum Vorteil derjenigen verdreht, die davon profitieren.

AGORÁ – Von der Demokratie zum Markt

27.04.2016 | 92 Min. | Verfügbar bis 27.04.2020 | Quelle: WDR

Griechenland in der Euro-Krise – wie kam es dazu? Der Filmemacher Yórgos Avgerópoulos porträtiert die Eurokrise aus griechischer Sicht über einen Zeitraum von mehr als vier Jahren. Er fängt die politischen und sozialen Auswirkungen in intensiven, teilweise erschütternden Bildern ein und spricht sowohl mit politischen Entscheidungsträgern als auch mit den direkt Betroffenen. Direktlink

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