Gibt es die Zeit?

Gibt es nun die Zeit, oder doch nicht? Wer ständig auf die Uhr blickt und die Uhr beobachtet, wie sie die Zeit anzeigt, oder wie die Zeit verrinnt, kann es nicht glauben dass es die Zeit nicht geben könnte. Ein Mensch, der keine Uhr besitzt, den es nicht im geringsten interessiert, welche Stunde ist, und der es vermag seinen Körper und jede Zelle ständig zu erneuern, wird bestätigen, dass für ihn die Zeit nicht existiert.

Der Unterschied besteht darin, dass sich der eine von der Zeitanzeige bestimmen lässt und der andere sich von der Zeit unabhängig machen konnte. Für denjenigen, der sich von der Zeit bestimmen lässt, vergeht die Zeit in dem Maß, wie er der Zeit Geltung verschafft. Für denjenigen, für den die Zeit keine Bedeutung hat, vergeht sie langsamer bis gar nicht. Mehr oder weniger befinden wir uns alle zwischen diesen beiden Wahrnehmungen. Da es aber funktioniert, die Zeit hinter sich lassen zu können, dürfen wir davon ausgehen, dass auch die Zeit eine Illusion ist.

Im Kern bedeutet dies, dass wir uns nicht von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft bestimmen lassen dürfen. Tun wir es doch, geben wir uns der Illusion von der vergehenden Zeit hin. Wir leben jetzt in diesem Augenblick. Die Vergangenheit ist vorbei und kann nicht wiederholt werden. Die Zukunft ist noch nicht da. Wir können nicht wirklich wissen, was zukünftig sein wird. Denn die Zukunft hängt auf dieser Erde vom freien Willen von Milliarden Menschen ab. Dieser kann sich in jedem Augenblick radikal verändern. Alles existiert nur durch den gegenwärtigen Moment.

Hinzu kommt, dass das fundamentale Prinzip des Universums jenes ist, dass alles gleichzeitig geschieht. Siehe Quantentheorie, Quantenphysik oder Quantenmechanik. Werden und Vergehen geschehen nebeneinander in sogenannten Dimensionsräumen. Es kommt nur darauf an, die eine Dimension verlassen zu können, um die andere wahrzunehmen.  Insofern ist die Zeit-Wahrnehmung eine Frage der Wahrnehmung von Dimensionen.

Tina Turner – Sarvesham Svastir Bhavatu (Wohlergehen sei mit allen)

Anzunehmen, dass es die Zeit gibt, wurde den Menschen durch die Wissenschaften bewusst gemacht. Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorie und die Idee von der Zeit als eine universale Konstante hatte die Menschen in ein fundamentales Denken eingezwängt. Denn diese Denk-Theorie wurde zur Wahrheit erklärt. Letztlich mussten sämtliche bis dahin geltenden Annahmen und Theorien, die meist Glaubensmodelle waren, unter den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgemustert werden. Heute wissen wir, auch die Theorien Einsteins begründen sich auf Glauben, nicht auf Wissen.

Einsteins spezieller Relativitätstheorie zufolge gäbe es keine Möglichkeit, Geschehnisse zu bestimmen, die man gleichzeitig wahrnehmen könne. Zwei Geschehnisse, die beide jetzt geschehen, würden zu unterschiedlichen Zeiten von denen wahrgenommen werden, die sich mit einer anderen Geschwindigkeit bewegen. Wieder andere würden ein ganz anderes “Jetzt“ erleben, das wiederum Elemente vom anderen Jetzt beinhalten könne. Zugleich kann das aber auch nicht jetzt geschehen, sondern zu anderen “Jetzten“.

Jetzt wissen wir, dass alles jetzt geschieht. Was vor tausenden Jahren geschah, ist auch jetzt. Und zwar in dem Moment, wenn wir es in uns tragen und daran denken. Es ist all das jetzt, woran wir in diesem Augenblick denken. Wenn wir denken, dass morgen Krieg sein könnte, dann ist der Krieg bereits jetzt, weil wir ihn in unserem Denken haben. So ziehen wir all das ins Jetzt, indem wir es denken.

Der wichtigste Wert ist der Wert der Zeit.

Richard David Precht zu Kapitalismus im digitalen Zeitalter

Die Zeit ist nur im jeweiligen Augenblick. Es gelingt nicht diesen Augenblick festzuhalten. Die meisten Menschen würden dennoch bestätigen, dass es die Zeit gibt. Denn die Uhr zeigt es ja an. Dennoch schaffen es dieselben Menschen nicht, die Zeit zu fassen zu bekommen.

Eigentlich ist Zeit nur die Veränderung, die die Illusion von Zeit aufzeigt. Während wir leben, scheinen wir uns durch eine Aneinanderreihung Jetzten fortzubewegen. Die Frage ist nun, was sind sie, diese Jetzte? Für Julian Barbour (britischer Physiker) ist jedes Jetzt ein Potpourri von allem aus dem Universum. Wir erhalten den Eindruck, dass die Materie, also die Dinge ihre endgültigen Positionen zueinander hätten. Das ist seit dem wiederlegt, seitdem wir wissen, dass Materie eigentlich keine Materie ist, sondern nur starr aneinandergereihte Information.  Wenn eine physikalische Kraft dafür sorgt, die Informationen in der Materie zu verändern, kann diese sofort, also jetzt sofort aufhören zu existieren. Da erscheint es absurd, Gesteine und Artefakte anhand ihres radioaktiven Zerfalls einem zeitlichen Alter zuschreiben zu wollen.

Diese Zeitmessungen sind nur noch solange möglich, wie die Erde sich in einer scheinbar festen Umlaufbahn um die Sonne bewegt. Sobald sich die Umlaufbahn ändert – und das kann rasch mal geschehen – wird der Begriff der Zeit neu zu definieren sein. Zeit existiert nur für die Denkmodelle, die sich auf die Erde begrenzen. Sobald das Denken eine Gestalt annimmt, die sich über den Einfluss der Erde hinaus bewegt, existiert die Zeit nicht mehr.

Bleibt noch die Vergangenheit. Die Illusion von Vergangenheit kommt daher, weil jedes Jetzt Betrachtungen beinhaltet, die als vergangenes Geschehen erscheint. Wir projizieren auf das Jetzt Bilder, die wir zu kennen glauben, von denen wir annehmen, dass sie aus den Erfahrungen stammen.  Jedoch haben wir keinen einzigen Beweis dafür, woher diese Bilder wirklich sind. Wir meinen nur, dass sie aus der vergangenen Woche stammen, vom vergangenen Jahr, oder wenn wir sie gar nicht zuordnen können, aus einem vergangenen Leben. Das Gedächtnis hat eine feste Struktur und die Bilder werden uns für diesen gegenwärtigen Moment geliefert.

Es ist schon richtig, dass es die Zeit gibt. Jedoch nur für diejenigen, die sie brauchen. Wer sich in der sogenannten Matrix dieser Welt gefangen halten lässt, wird sich mit der vergänglichen Zeit konfrontiert sehen. Wer über den Dingen steht, also über den Verpflichtungen und Verflechtungen, die mit der Zeit verbunden sind, kann auch über der Vergänglichkeit der Zeit stehen.

Ihr Puls, mein Herr, geht reichlich langsam. Das macht nichts, Herr Doktor, ich habe Zeit.

Dadurch scheint die Existenz der Erde vom Universum getrennt zu sein. Es gibt im Universum keine Uhren, die eine Zeit anzeigen, wie sie hier auf der Erde existiert. Tatsächlich sind es wir Menschen, die sich in ihrem Denken vom Universum abgetrennt haben. Das bedeutet, die Menschen halten an den materiellen Dingen fest und müssen deshalb irgendwann sterben. Gelänge es ihnen die materiellen Dinge zu überwinden, nichts mehr an den materiellen Dingen für ihr Leben mehr zu brauchen, nichts mehr essen, nichts mehr kaufen, kein Geld mehr benötigen, nicht mehr in den Urlaub fahren, dann müssen sie auch nicht mehr an der Vergänglichkeit ihres Lebens festhalten. Sie überwinden die Zeit schon deshalb, weil sie sie nicht mehr für ihr Leben brauchen.

Der schrecklichste Ausdruck, den diese Zivilisation in die Welt gebracht hat ist: „Zeit ist Geld!“ Er ist einfach abscheulich und das Leben verachtend. Indem man damit begann, alles unter dem Begriff der Zeit zu bemessen, konnte auch das Alter der Dinge und des Lebens bewertet werden. Dadurch erst ist die Käuflichkeit und die korrupte Welt erzeugt worden. Und wie bekommen wir sie wieder weg?

Der erste Schritt, sich nicht mehr von der Zeit bestimmen zu lassen, besteht darin, die Armbanduhr abzulegen. Alle Momente, in denen man danach schauen würde, welche Uhrzeit ist, schaut man ganz bewusst nicht auf die Uhr, sondern lässt der Intuition freien Lauf. Nach einer gewissen Eingewöhnung wird sich genau der richtige Rhythmus einstellen. Man wird kaum noch auf die Uhr schauen müssen und kann dennoch ganz in Ruhe und Gelassenheit seiner Dinge nachgehen. Schon vergeht die Zeit langsamer. Stress und Rastlosigkeit verschwinden wie von selbst. Weitere Schritte folgen, wenn sie folgen wollen.

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