Die Histrionische Persönlichkeitsstörung

Jeder kennt Menschen. die eine Histrionische Persönlichkeitsstörung (HPS) mit sich herumtragen. Es sind die Menschen, die sich durch egozentrisches und theatralisches Verhalten auszeichnen. Das Wort histrionisch ist eine Wortschöpfung nach dem lateinischen histrio, das aus der etruskischen Sprache stammt und für einen Schauspieler im antiken Rom stand. Auch das englische Wort histrionic bedeutet schauspielerisch, theatralisch oder affektiert. Bei dieser Störung soll es sich um ein dramatisches, emotionales oder unkontrolliertes und launenhaftes Verhalten handeln.

Theatralisches Verhalten meint, dass Betroffene eine Angelegenheit, die sie selbst betrifft theatralisch aufplustern würden. Affektiertes Verhalten meint, dass Betroffene nur ein Wort hören müssen, schon läuft ein Programm in ihnen ab, das sie ein theatralisches Drama aufführen lässt. Egozentrisches Verhalten meint, dass Betroffene alles auf sich selbst beziehen. Hinzu kommt, dass Betroffene dazu neigen starke und unangebrachte oder übertriebene Gefühle zu zeigen. Letztlich haben sie oft das starke Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Anerkennung und Lob.

Die Dramatik äußert sich oft dadurch, dass Betroffene sehr rasch zwischen unterschiedlichen Gefühlen hin und herwechseln können. Auf nicht eingeweihte Menschen wirkt dieses Verhalten oberflächlich, arrogant und abweisend.

Besonders bemerkenswert ist, dass Betroffene oft frustrierende Situation nicht lange aushalten können. Dieser Aspekt führt dazu, ihre Störung rasch offenbar werden zu lassen. Das hilft ihnen jedoch kaum, denn sie selbst würden sich aus eigenem Antrieb kaum in eine therapeutische Behandlung begeben. Das alles liest sich doch schon mal ziemlich heftig, oder?

Betroffene beschreiben ihre Eltern oft als kalt und kontrollierend. Sie haben sich nicht geliebt gefühlt und hatten ständig Angst, verlassen zu werden. Dadurch haben sie ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl entwickelt. Sie verhalten sich deshalb übertrieben emotional oder führen selbst ihre Krisen bewusst herbei, weil dies als ihre einzige Möglichkeit erscheint, Aufmerksamkeit oder Unterstützung zu erhalten.

Diese Menschen brauchen, um den Bedarf an sinnvollen Lösungen für sich erkennen zu können, wirklich gute Freunde, Familienangehörige, die sie nicht allein stehen lassen und immer wieder und beharrlich darauf hinweisen, dass sie Hilfe brauchen.

Nicht die Talente, nicht das Geschick zu diesem oder jenem machen eigentlich den Mann der Tat, die Persönlichkeit ist’s, von der in solchen Fällen alles abhängt. Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten. Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen: denn ihm ist alles entbehrlich außer er selbst. Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann.

Wo kommt das her?

Persönlichkeitsstörungen werden meist in der frühen Kindheit programmiert. Im Fall der Histrionische P. dürfen wir fast ausnahmslos davon ausgehen, dass die Eltern ihrem Kind nicht die Aufmerksamkeit geben konnten, wie es ein Kind gebraucht hätte. Betroffene bekammen als Heranwachsende einprogrammiert, dass sie nur dann Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, wenn sie etwas außergewöhnlich Auffälliges machen. Sie lernen bereits im Kleinkindalter, dass sie dann gesehen werden, wenn sie etwas kaputt machen, sich selbst lächerlich machen, oder ein besonders unangemessenes Verhalten zeigen.

Im Erwachsenenalter kleiden sich Betroffene gern besonders auffällig. Sie wählen Berufe, in denen sie auf einer Bühne, oder auf einem Podium stehen können. Zusätzlich setzen sie sich eine Maske auf. Bei Frauen ist das Schminken üblich, aber bei Männern wirken Masken befremdlich. Was die Betroffenen jedoch nicht davon abhält, ihr wahres Sein verbergen zu wollen.

Denn in Wahrheit fühlen sie sich sehr einsam, von allen verlassen und oft stecken sie in einer handfesten Depression fest. Diese wird jedoch gern und gekonnt mit der ihnen eigenen Theatralik überspielt.

Bevor Betroffene freiwillig in eine Therapie kommen, haben sie meist eine Odyssee unterschiedlichster Krisen hinter sich. Sicher waren sie deshalb schon in unterschiedlichen Behandlungseinrichtungen. Vielleicht auch zu ihrem eigenen Schutz. Aber nur selten wird die wahre Ursache der Störung erkannt. Betroffene berichten von Wutanfällen, von häufigen sexuellen Kontakten. Sie berichten davon, dass sie eigentlich keine Freunde haben, es wären nur oberflächliche meist sexuelle Bekanntschaften. Der Sex dient demnach oft als ein Kanal, sich eine Basis von Aufmerksamkeit vorzutäuschen, da sie anderweitig nicht genügt. Wenn Sexualpartner sie attraktiv finden, hilft es ihnen, die eventuelle Depressionen oder negative Gedanken für diesen Moment zu vergessen.

Aktuelle Studien wollen aufzeigen, dass nur etwa 2 – 3 % der Bevölkerung, sowohl Männer als auch Frauen gleich häufig davon betroffen sein sollen. Das möchte ich dringend bezweifeln. Möglicherweise wurden nur diejenigen gezählt, die in Behandlung sind. Meiner Ansicht nach leidet fast die gesamte Gesellschaft an diesem oder einem ähnlichen Krankheitsbild. Es wird den Kindern vom ersten Tag ihres Lebens an suggeriert, dass sie nie gut genug sind. Sie werden in Betreuungseinrichtungen verwahrt, statt die Mutterliebe zu erfahren. Sie werden nach Noten bewertet, statt mit Herzenswärme wertgeschätzt.

Als Erwachsene streben sie nach Idealen, die ncht ihre eigenen sein können, aber programmiert wurden. Irgendwie stehen alle Menschen irgendwo immer auf einer Bühne und spielen ihr programmatisches Drehbuch eines Dramas ab. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dürfen wir erkennen, dass dies eine sehr, sehr kranke Gesellschaft ist. Jeder von uns ist ein Teil dieser und dann wundern wir uns, wo diese vielen unterschiedlichen Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen herkommen.

In vielen Fällen von Histrionischer Persönlichkeitsstörung sind ohnehin gleichzeitig weitere Symptom-Bilder des Katalogs von Störungen feststellbar, wie Depressionen, Angststörungen und / oder von narzisstischen, Borderline und vielen weiteren Störungen.

Was sie gemeinsam haben ist die Programmierung in der Kindheit. Insofern ist bei mir der Ansatz oft derselbe. Der Ansatz ist die Versöhnung mit sich selbst. Sich selbst so annehmen, wie man ist. Frieden im eigenen Herzen finden. Und dann den Menschen, die daran beteiligt waren, liebevoll vergeben. Wenn die Ursache geheilt ist, hat die Wirkung keinerlei Grundlage mehr.

Heilung ist ein Prozess, der mit dem Entschluss nach Heilung beginnt. Dann folgt ein bewusster Weg, auf dem man es mehr und mehr lernt, die eigenen Programme zu erkennen, sich selbst zu beobachten und es lernt, das eigene Verhalten sich selbst gegenüber zu reflektieren. Als absolutes Muss darf ich hier die Wiederherstellung oder erstmalige Aktivierung eines stabileren Selbstbildes erwähnen. Über die Selbstreflektion bekommen Betroffene mehr Selbstkontrolle und Selbstsicherheit zu sich selbst, so dass sie immer weniger dazu getrieben sind, ein theatralisches Drama aufführen zu müssen. Dadurch verringert sich auch der Bedarf nach ihrer typischen emotionalen Sprunghaftigkeit. Sie lernen mit der Zeit das Alleinsein und Langeweile positiv zu betrachten. Andererseits lernen sie Menschen dauerhaft und tiefgründiger erfahren zu können. So lernen sie es Bindungen einzugehen, die durchaus stabil werden können.

Weitere Persönlichkeitsstörungen sind:

Paranoide Persönlichkeitsstörung, Schizoide Persönlichkeitsstörung, Schizotypische Persönlichkeitsstörung, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung, Histrionische Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, Dependente Persönlichkeitsstörung, Zwanghafte Persönlichkeitsstörung, Passiv-Aggressive Persönlichkeitsstörung.

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